Theater S4 2016


Trash und Theatron

Fotos: Dorothee Welter-Hanau

Unterschiedlicher hätten die Abschlussarbeiten, die Schülerinnen und Schüler der S4-Kurse „Darstellendes Spiel“ im März präsentieren, nicht sein können. Im Kurs von Herrn Schröder hieß es zunächst „Boarding“: ein schwules Paar (Philip u. Erik), ein Türke (Kija) mit verschleierter Frau (Gezal) im Schlepptau, ein Vater (Lukas) mit behindertem Sohn (Ruben). Klischees hatten sich versammelt, die im Folgenden ihre ganze  Abgedroschenheit preisgaben. Streit, Aggression, aber dann sagte die Crew Turbulenzen an, das Bild verwackelte und aus dem Off hörten wir letzte Worte der Passagiere, die abstürzend ihr Innerstes preisgaben, ihre Liebe gestanden, einander verziehen.

 

Dann fiel der Vorhang, die nächste Show begann, „Sag’s Mia“, eine Privat-Show, wie sie trashiger nicht sein konnte. Niveau-Limbo pur: GV in allen Variationen und Stellungen. Eine 40-jährige Jungfrau (Katharina) hatte sich gegen ein „abgefucktes“ Proll-Pärchen (Nina u. Julian) zu behaupten. Es ging zur Sache, lautstark, ordinär. In der Drehpause ließ auch die essgestörte Moderatorin (Alina) nichts aus, entleerte hinter den Kulissen für alle vernehmlich ihren Darm, den Abführmitteln sei Dank. Aber auch hier wurde am Ende die Kehrseite gezeigt: Alles Fake, die Gäste gecastet, selbst katholische Jungfrau, war in Wahrheit eine Mutter mit vier hungrigen Kindern, auf Harz IV und alkoholkrank.

Wollte das Publikum das alles sehen? Hätten wir es auf den Privatkanälen nicht schon viel zu oft sehen können? Das GHB-Publikum honorierte die Vorführung jedenfalls mit lautem Applaus. Der galt in ersten Linie der Chuzpe und dem Mut der Darsteller – allen voran Alina, die als Mia alles gegeben hat!

Wie Philip im Interview verriet, traf der Vorwurf, „Trash“ geboten zu haben, ins Schwarze: „Unser Ziel war es, kein langweiliges Stück zu präsentieren. Alles andere war uns egal. Man kann heutzutage nur mit übertriebenen, an Grenzen kratzenden Thematiken, auch anstößigen Darstellungen Aufmerksamkeit erregen.“ In der Aufführung seien alle Darsteller über sich selbst hinausgewachsen: „Direkt vor der Aufführung muss bei jedem von uns ein Schalter im Kopf umgelegt worden sein, der uns sehr viel Selbstvertrauen gegeben hat. Diesen Schalter hat mit ziemlicher Sicherheit Herr Schröder betätigt. Danke!“

 

Am nächsten Abend präsentierte der Kurs von Frau Kuzmanovska seine Arbeit. Schon auf dem Werbeplakat, das Portraitaufnahmen der Darsteller im Wechsel mit Reclam-Covern zeigte, hatte das Publikum erkennen können, dass es diesmal klassisch werden würde: Schillers „Räuber“, Brechts „Galilei“, „Der Besuch der alten Dame“. Müge führte das Publikum durch den Abend und wies in die Hintergründe dieses Parforcerittes durch die Dramen-Geschichte ein. So wurden die Spielszenen zu einem Ganzen gerahmt, die teils im Original, teils entstehungs- und rezeptionsgeschichtlich einen Bogen über die Literaturgeschichte von Shakespeare bis Dürrenmatt spannten. Das war lehrreich, unterhaltsam – ein würdiger Abschluss für zwei Jahre Theaterarbeit in der Oberstufe.

 

„Eine Menge Arbeit“ steckte in dieser Inszenierung, wie Sarah im Interview verriet. Immer wieder neu seien die Anläufe gewesen und „unglaublich schwierig“. Aber Frau Kuzmanovska sei es gelungen, die Truppe stets durch neue Ideen zu unterstützen und „runterzubringen, wenn wir rebelliert haben“. Emma Krink brachte diesen beeindruckenden Abend in ihrem abschließenden „Theater-Monolog“ auf den Punkt:

Theater ist ein Ort, wo man sich wiedererkennen kann.

Es kann aber auch ein Ort sein, an dem man nicht mehr man selbst ist.

An dem man vielleicht so ist, wie man sonst nie sein würde.

Oder so ist, wie man immer schon mal sein wollte.

An dem man in Rollen schlüpft und alle Scheu verlieren muss.

An dem man alles aussprechen darf, was man denkt.

Ein Ort, in dem man in eine Welt eintaucht, die alles sein kann.

Schön, grausam, laut, leise, traurig, romantisch, witzig.

Eine Welt, die keine Grenzen hat.

Und man nimmt das Publikum mit in diese Welt.

In der man lachen und weinen darf.

 

(....)das Theater ist eine Kunst.

Eine Kunst, in der der Moment zählt.

Ein Moment, in dem alles sitzen muss.

In dem alles genau abgestimmt werden muss.

In dem nichts wiederholt werden kann.

 

Auf Wiedersehen!      ..... in diesem Theater ....

 

Dorothee Welter-Hanau